Kreative Intelligenz: Warum man sich mit einem IQ über 150 heute trotzdem nutzlos fühlt und wie wir künftig alle mehr mitdenken könnten.

Über Intelligenz zu sprechen mag heute wie eine extrem elitäre Perspektive erscheinen, ja sogar etwas überheblich. Dahinter steckt aber ein Dillemma unserer Gesellschaft. Die Problemfragen werden immer komplexer, aber der Wissenstransfer ist kaum noch ein Breitbandtransfer. "One to many" oder "many to many" ist eine Illusion des Internet, die nur für Durchnittsintelligenz, nicht aber für echte Lösungsübertragung von originärer und freier Intelligenz in die breitere Masse taugt. Nicht nur das Genie wird von der Suchmashine ausgegrenzt, auch der Normalo kann sich immer weniger außerhalb seiner kleinen Welt einbringen.

Die Intelligenz im Internet (die Qualität und Dichte von Ideen und gedanklicher Intelligenz) ist nur durchschnittlich und hat zwar die Experten verbunden, aber kaum Brücken zwischen den Disziplinen geschaffen. Der Hyperlink ist ein gnadenloser Spezialist, nie assoziativ, immer genau und das Blickfeld reduzierend. Das Internet wird darum mit der Zunahme der Sucheffizienz mehr und mehr zu einem Denkghetto. Die von vielen gefürchtete Herrschaft des "Google-Eingabefensters" als einzigem Zugang zum Wissen der Welt, scheint sich von Jahr zu Jahr mehr zu bewahrheiten.
Während das öffentlichrechtliche Fernsehen, die meisten Zeitungen und Zeitschriften dem Normalbürger eine gewisse Streuung von Themen zumuten und somit zur Erweiterung des Bewusstseins und der Lösungsintelligenz beitragen, passt sich das Internet zunehmend mehr dem User an. Es spiegelt ihn in seiner eigenen Welt. Es reduziert die Außenreize auf ein Minimum. Bis die Freunde, die Inhalte, die Produkte, die Gedanken und Gefühle nur noch maßgeschneidert sind. In diesen Matchingboxen gefangen veröden wir in geistiger Inzucht.

Der Mensch begegnet nur noch seinesgleichen. Die Vielfalt und globale Weite des Netzes ist eine Illusion. Oder wann haben Sie sich das letzte mal mit einem Amerikaner oder Chinesen via Internet über dessen Kultur ausgetauscht? Das Netz bietet eben gerade nicht die Grundlage für vielfältige und somit für mehr Intelligenz in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Ganz im Gegenteil, das Internet verbannt Intelligenz noch viel mehr als jedes andere Medium in spezialisierte Kästchen für Minderheiten. So stehen in einer technologisch vernetzten Welt Genies neben Genies und Proleten neben Proleten. Dazwischen immer höhere Mauern, von wenig intelligenten Suchmaschinen organisiert.

So lange wir Intelligenz nur in spezialisierten Bereichen anwenden, was ein Widerspruch an sich ist, denn das Gehirn kann nur Intelligenz entfalten, wenn es auf die Vielfalt der Verknüpfungen ausgelegt ist, fällt dieser Mißstand kaum auf. Wenn wir aber mehr Intelligenz in ganzheitlichen Feldern, Systemen, Gemeinschaften benötigen, um beispielsweise große Probleme, wie die Umweltzerstörung, die Armut, politische Krisen, wirtschaftliche Innovationen oder kulturelle Bewusstseinsveränderungen lösen zu können, benötigen wir breitere Formen von kollektiver und individueller Intelligenz. Gelebte Wissensvielfalt. Interdisziplinär und mit zahlreichen Kommunikations- und Ressonanzbrücken quer durch die Bevölkerung. Wir müssen dann die kollektive Intelligenz erhöhen können.

Wie kann das gemacht werden?

Das Internet ist dafür nicht geeignet. Die Lösung ist nicht technologisch zu finden, sondern kulturell, politisch und gesellschaftlich. Noch bis zur Mitte der 90er Jahre gab es einen im Vergleich zu heute regen Meinungsaustausch zwischen Intellektuellen und der durchschnittlichen Bevölkerung. Kulturkritiker, Autoren, Wissenschaftler, intelligente Zeitgenossen waren einer breiteren Bevölkerungsschicht bekannter. Auch wenn man sich nie wirklich nahe kam, gab es doch viel mehr Berührungsflächen. Es gab Studentenbewegungen, die sich mit Arbeiterbewegungen verbinden ließen. All das erscheint heute undenkbar. Intelligenz und Bevölkerungsdurchnitt begegnen sich nicht mal mehr an der Supermarktkasse, geschweige denn im Internet. Auch die Politik umgibt sich nur noch mit Bereichsexperten.
>>